144 Stunden

144 Stunden. Alleine letztes Jahr habe ich 144 Stunden mit Warten verbracht. Das sind mit Sicherheit noch nicht alle Stunden, aber zumindest alle, die ich sicher abzählen kann. Pro Woche verbringe ich etwa drei Stunden damit, auf meine Kinder zu warten: Gitarre, Querflöte, tanzen. Ich bringe sie hin, ich warte, ich hole sie ab. Dazu kommen noch viele Stunden, die ich im Wartezimmer bei Ärzten verbracht habe, ich habe darauf gewartet, dass anstrengende Nächte mit den Kindern vorbei sind, dass eine Phase wieder endet, dass mein Mann abends endlich nach der Arbeit nach Hause kommt und ich ihm eines der Kinder mit den Worten „Das hat sie nicht von mir“ in die Arme gedrückt habe, ich habe gewartet, dass es endlich Sommer wird und manchmal auf einfach auf Godot gewartet.

Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach sagte: Warten lernen wir gewöhnlich dann, wenn wir nichts mehr zu erwarten haben. Ist es das? Habe ich nichts mehr zu erwarten? War es das? Soll es so die nächsten 30-40 Jahre weitergehen, ehe ich so etwas ähnlich wie in Pension bin? Wenn es das dann überhaupt noch gibt? Ist es das, worauf ich zurückblicken möchte? Mann, 3 Kinder, Eigentumswohnung, Auto? Ist da nicht noch mehr?

Doch, da ist mehr. Da muss mehr sein.  Es flackert ganz leicht immer wieder mal auf, manchmal überkommt es mich auch und dann muss ich weg. In mir kommt ein Verlangen hoch, das mich in die Ferne zieht, zu anderen Kulturen, in andere Städte. Mich packt die pure Abenteuerlust. Diese Reiselust ist noch da. So wie schon vor 10 Jahren. Da hätte ja alles anders sein sollen. Hätte, hätte, Fahrradkette. Aber im Leben kommt eben nicht alles so, wie man es sich wünscht.

Warten ist für mich eine Qual. Es ist keine geschenkte Zeit, es ist keine Zeit, die ich als Mehrgewinn für mich betrachte und es bereitet mir auch keine Freude. 144 Stunden, die ich hätte besser nutzen können statt zu warten. Ich sehe mein Leben nicht als große Warteschleife. Ich warte einfach nicht sonderlich gerne. Dabei ist Warten eine sehr alltägliche Erfahrung: In der Früh schon warte ich auf die Kinder, dass sie (endlich) fertig angezogen sind, ich warte auf den Bus, darauf, dass die Besprechung vorbei ist, ich warte im Kindergarten und in der Schule beim Abholen, ich warte auf den Postler, die Freundin, die sich zum Kaffee verspätet, ich warte an manchen Tagen, dass es endlich 20 Uhr ist und die Kinder im Bett sind.

Wenn wir geboren werden, dann können wir überhaupt nicht warten. Ein Baby weint, wenn es ein Bedürfnis hat und erwartet, dass darauf prompt und schnell reagiert wird. Es kann nicht warten und es kann sein Bedürfnis nicht aufschieben, nur, weil Mama eh schon die ganze Nacht wach war und nun müde ist. Weder kann es Rücksicht nehmen, noch sein Bedürfnis aufschieben. Es wird sich immer melden und zeigen, dass es etwas braucht. Warten-Können ist also eine Fähigkeit, die wir erst erlenen und eine Frage der Zeitwahrnehmung: So mit drei Jahren können Kindern dann langsam ihre Bedürfnisse aufschieben und ein bisschen warten – wenn sie nicht gerade müde, hungrig oder sonst was sind. Je schneller auf ihre Bedürfnisse reagiert wird, desto eher behalten sie sich auch die Fähigkeit, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen und anzumelden – eine Fähigkeit, die viele Erwachsene heute erst wieder erlernen müssen. Sie spüren sich einfach nicht mehr und wissen nicht, was sie brauchen. Manchmal aber, und so ist es bei mir, schieben sie ihre Bedürfnisse einfach zu lange auf und dann platzt es aus ihnen heraus.

Bumm. Wie ein Vulkan brechen sie dann aus.

Aber so ist das ja bei den meisten Menschen: Sie vergeuden ihre Zeit mit Dingen, die sie nicht glücklich machen. Wir hetzen von Termin  zu Termin, haben volle Kalender und jede Menge Verpflichtungen, von denen wir glauben, ihnen nachgehen zu müssen. Wir haben verlernt, „Nein“ zu sagen. Wir haben vergessen, dass wir es nicht jedem Recht machen können – und auch gar nicht müssen. Wir sollten wieder mehr auf uns und unsere Bedürfnisse achten, damit es uns gut geht. Dabei haben wir alle die Chance, unser Leben anders zu gestalten. Auch du. Du musst nur genau hinsehen: Was brauchst du? Was würde dich glücklich machen? Wie kannst du dieses Ziel erreichen?

Das klingt nun ein wenig egoistisch oder? Da habe ich drei Kinder, einen Mann, ein Dach über den Kopf und ein Einkommen, ich habe Freunde, eine Familie und ein Dorf, das mich unterstützt, ich bin gesund und habe ein erfülltes Leben und dennoch meckere ich herum und beschwere mich, dass mir etwas fehlt. Ich möchte gar nicht undankbar erscheinen, auf keinen Fall. Für alle diese Lebensumstände bin ich sehr dankbar und ohne sie wäre mein Leben nur halb so erfüllend. Doch da bleibt immer ein Gedanke: Ich habe mir das anders vorgestellt.


Bild: (c) pexels.com

 

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