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Fußstapfen

Vor 10 Jahren sah meine Welt noch anders aus. Ich war jung jünger, ich war frisch verliebt, vor mir sah ich eine glänzende, schillernde Zukunft mit einem Mann an meiner Seite, der meine Visionen teilte. Keinesfalls wollten wir so leben wie unsere Eltern – nie. Wer kennt diesen Gedanken wohl nicht? Kaum an der Volljährigkeit vorbei, malt man sich die wildesten Träume aus, wie das Leben wohl sein wird – eines ist dabei sicher: Nicht so wie unsere Eltern. Ist ja auch gut, denn würden sich Menschen nie weiterentwickeln, dann würden wir wohl immer noch denken, dass die Erde eine Scheibe ist. Das ist eben das Problem mit den Fußstapfen: Wer hineintritt, macht es genau gleich. Nur wer daran vorbeigeht, entdeckt eigene Wege.

Besonders deutlich war der Wunsch bei der Kindererziehung: Also ich werde es ganz anders machen und es den anderen schon zeigen. Das war so nach *juhu*, *kreisch* und *umarmen* einer der ersten festen Vorsätze nach dem positiven Schwangerschaftstest. Wir bekommen ein Baby? Klasse! Wir machen es aber ganz anders.

Und das haben wir auch. Wir haben es wirklich anders gemacht. Ganz anders. Hier wurde getragen statt geschoben, familiengebettet und nach Bedarf gestillt. Die ganze Palette des „attachment parenting“ haben wir ausgepackt. Das macht mich nun keineswegs zu einer besseren Mutter, aber es macht etwas mit meinem Kind. Da bin ich sicher. Dieses „Es hat mir doch auch nicht geschadet“ ist spätestens dann überholt, wenn man sich ein wenig mit der Hirnforschung beschäftigt und auf welche Erfahrungen ein Mensch in Stresssituationen zurückgreift: Auf Muster, die in seinem Stammhirn gespeichert sind. Das Stammhirn ist der älteste Teil und jener Teil, der für unser Überleben „verantwortlich“ ist – er wird immer dann aktiv, wenn wir unter Stress stehen, also evolutionär gesehen im Kampf/Flucht-Modus laufen. Dann agiert das Stammhirn und greift auf Muster und Strategien zurück, die wir in den ersten drei Lebensjahren erfahren haben. Krass, oder? Es kann also nicht stimmen, dass etwas nicht geschadet hat, denn alle Erfahrungen formen uns und machen uns zu dem Menschen, der wir heute sind. Ich meine: Da war dieser kleine Mensch 40 Wochen lang in meinem Bauch, eng eingehüllt in einer warmen Umgebung mit permanenter Geräuschkulisse und nun soll es alleine in einem kalten Bett, womöglich noch im eigenen Zimmer schlafen und nur alle 4 Stunden trinken statt den 24/7-Room-in-Service zu genießen? Nein, das fühlte sich falsch an. Das passte nicht. Heute kann ich sagen: Auf dieser Linie haben wir es ganz anders gemacht und durften natürlich viele Kommentare hören à la „Die bekommst du nie wieder aus deinem Bett“, „Du musst auch mal loslassen können“ und „Pass auf, sie wickelt dich schon um den Finger“. Klar, weil ein 4 Monate altes Babys das auch schon kann?!

Wir sind also unseren eigenen Weg gegangen, vorbei an den Fußstapfen, die wir bisher kannten. Wir haben unsere eigenen Wege geformt, sind mal links und rechts abgebogen, mal wieder in einen Fußstapfen getreten, um ihn dann doch zu verlassen und eigene Richtungen einzuschlagen. Kurzum: Wir waren auf einem guten Weg und so wünsche ich mir auch für meine Kinder, dass sie irgendwann ihre ganz eigenen Fußstapfen gehen, aber gerne auf jene zurückblicken, die sie schon kennen.

Aber da gab es noch einen anderen Plan: Von 8-14 Uhr arbeiten, nachmittags die Kinder betreuen und abends für die ganze Familie ein Abendessen zubereiten stand keinesfalls auf der Wunschliste für mein Leben. So einen normalen Alltag wollte ich nicht. Jeden Tag derselbe Trott. Halb 7 Uhr aufstehen, sich fertig machen, Frühstück richten, die Kinder wecken, sie in die Schule und in den Kindergarten bringen, in die Arbeit hetzen, nachmittags die übermüdeten und überreizten Kinder wieder mal viel zu spät abholen, die letzten Stunden bis zum Schlafengehen noch irgendwie überbrücken, Abendessen kochen, 20 Uhr: Ende im Gelände. Doch genau so kam es – bis auf den Wunsch nach 20 Uhr Feierabend. Irgendwie richten sich meine Kinder mit ihrem Schlafbedürfnis nicht nach der Uhrzeit, sondern danach, wann sie müde sind. Gescheite Kinder. Kann natürlich auch bedeuten, dass sie auch mal um 16 Uhr einfach auf der Couch einschlafen und dann aber bis 23 Uhr hellwach sind. Nun werden sich einige denken: Ja dann lass sie halt nicht schlafen um 16 Uhr! Selber schuld. Aber: Ist es nicht schön, ist es nicht auch ein Privileg, dass der Schlaf nicht mit Zwängen verbunden ist, sondern mit dem ureigenen Gefühl der Müdigkeit? Ist es nicht so, dass jeder von uns besser schlaft, wenn er/sie auch wirklich müde ist und es aber um die Burg nicht klappen will, wenn man noch zu wach ist? Denkt man selber darüber nach, wie viele Nächte du dich schon unruhig hin- und her gewälzt hast und am nächsten Tag völlig gerädert aufgestanden bist. Das kennst du bestimmt auch.

Nein, unser Plan sah anders aus. So revolutionär. Wir kamen uns dabei ganz groß vor.


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